Verbot von Drag-Lesungen in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek – Stellungnahme

Der Runde Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf erhielt durch eine Presseberichterstattung Kenntnis von der unangemessenen Einmischung in die Veranstaltungsplanung der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Zu betonen ist, dass es dabei um queere Veranstaltungen geht. In der Online-Ausgabe der „Berliner Morgenpost“ vom 23. Juli 2026 wurde unter der Überschrift „Kulturkampf in Steglitz: Streit über Drag-Queen-Lesungen und ‚Queere Tiere‘“ darüber berichtet.

Die dort gestellte Frage, wie weit politische Mandatsträger*innen in den Kulturbetrieb eingreifen dürfen, stellen auch wir vom Runden Tisch und müssen dabei mit Befremden zur Kenntnis nehmen, dass diese inakzeptable Einmischung und Kompetenzüberschreitung tatsächlich stattfindet. Deren Ergebnis ist, dass zwei geplante Drag-Lesungen gecancelt werden mussten und dass künftig Pressemitteilungen der Bibliothek über den Tisch der CDU-Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandij gehen müssen – zumindest, wenn es um queere Inhalte geht.

Die Bezirksstadträtin Sijbrandij ist zuständig für Bildung, Kultur und Sport. Mit ihren Eingriffen in das queere Angebot der Bibliothek sendet sie zugleich ein falsches und ebenso gefährlichen Signal in Zeiten wachsender Queerfeindlichkeit. Es gibt vor allem denen Recht, die in Drag-Lesungen und queere Angeboten für Kinder und Jugendliche einen Angriff auf das Kindeswohl sehen. So wurde beispielsweise im vergangenen Jahr das Drag-Festival „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten Ziel einer Schmutzkampagne des rechtsextremen Portals NIUS, bei der genau die gleichen haltlosen Behauptungen aufgestellt wurden. Frau Sijbrandij stößt mit ihrer Argumentation in dasselbe Horn.

Die Eingriffe der Bezirksstadträtin stehen zudem im krassen Widerspruch zu der vom Berliner Senat vertretenen Politik für eine Regenbogenhauptstadt und deren Offenheit in Fragen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Ist die Hissung der Progress Pride Flag am Rathaus Zehlendorf im Juli am Ende nur ein leeres Bekenntnis?

Frau Sijbrandijs Vorgehen steht ebenso im Widerspruch zu den Selbstaussagen, die sie auf Nachfrage der „Berliner Morgenpost“ tätigte. Sie erklärte, die Entscheidung, die geplanten Drag-Lesungen zu canceln, richte „sich weder gegen queere Menschen noch gegen die Beschäftigung mit geschlechtlicher Vielfalt“. Es sei wichtig, „Kindern und Jugendlichen Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und ein respektvolles Miteinander zu fördern“.

Es stellt sich allerdings die Frage, warum die Veranstaltungen dann nicht stattfinden konnten? Wenn sie sich an bestimmten Drag-Künstler*innen stört, weshalb wird dann ausnahmslos jede Drag-Veranstaltung – ungeachtet der eingeladenen Künstler*innen – verboten?

Für den Runden Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf stellt sich daher die Frage, was an diesen Statements wirklich ernst gemeint ist angesichts einer völlig konträren Wirklichkeit und eines eklatant widersprüchlichen Verhaltens.

Darüber hinaus wirbt Frau Sijbrandijs Partei bekanntlich mit den Leitspruch „Angebote statt Verbote“. Es ist schwer zu erklären, wie sich dieses Motto mit der Tatsache verträgt, dass sie Eltern, die ihren Kindern Werte wie Toleranz und Respekt mitgeben möchten, de facto die Wahlmöglichkeit nimmt. Eine solche Bevormundung ist weder nachvollziehbar, noch akzeptabel.

Nachdem im Oktober vergangenen Jahres bereits die Einrichtung einer Stelle als queerbeauftragte Person auf Bezirksebene mit den Stimmen der CDU, AFD und FDP abgelehnt wurde, nährt das Vorgehen der Bezirksstadträtin das Bild Steglitz-Zehlendorfs als spießig-verstaubter Kontrast zur vielbeschworenen Regenbogenhauptstadt.

Wir fordern darum, die unangemessene Bevormundung und Einmischung in die Veranstaltungsplanung der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek zu beenden und queere Veranstaltungen wieder zuzulassen, um es mit den Worten der Bezirksstadträtin zu sagen „Kindern und Jugendlichen Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen zu vermitteln“.

Wir fordern ein Bekenntnis zur Vielfalt, das sich nicht in schönen Worten und gehissten Regenbogenflaggen erschöpft, sondern sich in Taten, in Unterstützung und Solidarität ausdrückt. Der Runde Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf wird sich weiterhin dafür einsetzen, politische Entscheidungsträger*innen in die Verantwortung zu nehmen und queerem Leben im Bezirk Geltung zu verschaffen.