Keine queerbeauftragte Person in Steglitz-Zehlendorf – Stellungnahme

*Am 15.10.2025 wurde der von der SPD eingebrachte Antrag auf die Schaffung der Stelle einer queerbeauftragten Person in der Bezirksverordnetenversammlung mit den Stimmen der CDU, FDP und AfD abgelehnt.

Der Runde Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf hat mit großem Bedauern zur Kenntnis genommen, dass es auch weiterhin und wohl auf unabsehbare Zeit in unserem Bezirk an einer queerbeauftragten Person mangeln wird. Steglitz-Zehlendorf bleibt damit zusammen mit Spandau und Treptow-Köpenick das Schlusslicht der Regenbogenhauptstadt Berlin in Sachen Engagement für Antidiskriminierung, Queer und Diversität.

Dabei haben wir festgestellt, dass es dafür erkennbar einen Bedarf gibt. Auch in Steglitz-Zehlendorf leben queere Menschen, die den Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Als Bezirk mit dem höchsten Durchschnittsalter in Berlin gibt es gerade für ältere Menschen kaum Angebote. Der Weg in die Innenstadt ist für sie oft sehr weit und beschwerlich aufgrund eingeschränkter Mobilität.

Jüngere Menschen finden im Bezirk zurzeit bei gerade einmal bei zwei Projekten einen eigenen Ort, um sich auszuprobieren und miteinander auszutauschen. Auch handelt es sich dabei durchweg um zeitlich befristete Projektförderungen. Dauerhafte Einrichtungen und Angebote, die vom Bezirk gefördert werden, fehlen weitestgehend.

Gleichzeitig sind die wenigen bestehenden Angebote – wie wir aus unserer Arbeit wissen – häufig nicht ausreichend bekannt. Dem Argument, eine geringe Nachfrage sei ein Indiz für mangelnden Bedarf, muss daher deutlich widersprochen werden. Wer jahrelang gewohnt war, im unmittelbaren Umfeld keinerlei Angebote vorzufinden, orientiert sich notgedrungen anderswo.

Auch wenn wir den Anteil an queeren Menschen in Steglitz-Zehlendorf nicht beziffern können, so wissen wir gleichwohl aus der empirischen Forschung, dass die Menschen aus dem LSBTQIA*-Spektrum etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, und zwar über alle Altersgruppen verteilt. Diese Gruppe weiterhin zu vernachlässigen, passt nicht zum Anspruch unserer Stadt als Regenbogenhauptstadt.

Eine Person, deren Arbeitsfokus auf Antidiskriminierung, Queer und Diversität gerichtet ist, könnte unseres Erachtens vieles an der bestehenden Situation verbessern. So würde eine entsprechende Ansprechperson im Bezirk für uns als Runder Tisch die Zusammenarbeit mit der Bezirkspolitik erheblich erleichtern. Spezifische Bedarfe ließen sich dadurch einfacher adressieren und verlorenes Vertrauen in die Politik zurückgewinnen.

Zugleich obläge die Vernetzung und Kooperation mit freien Trägern, Institutionen und Einrichtungen dann nicht mehr ausschließlich dem zivilgesellschaftlichen bzw. ehrenamtlichen Engagement einiger weniger, sondern hätte eine solidere und damit nachhaltigere Grundlage. Die Beratung und Koordinierung bei der Schaffung entsprechender Angebote – sowie bei deren Erhalt – würde queere Menschen eine größere gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und könnte wichtige Veränderungen im Sinne von Gleichberechtigung anstoßen.

Mit der Ablehnung des Antrags der SPD wurde eine Chance für nachhaltige Veränderungen vertan. In Zeiten wachsender Queerfeindlichkeit geht davon leider auch ein fatales Signal aus. Wie aus dem Einsamkeitsbarometer 2025 vom Juni 2025 (Einsamkeitsfokusanalyse zu LSBTIQ* Personen: Lebenslagen und Resilienzfaktoren) hervorgeht, führen Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen häufig zu sozialem Rückzug, was wiederum das Risiko einer Vereinsamung begünstigt.

Die Förderung einer queeren Infrastruktur durch eine eigens geschaffene Stelle könnte gesellschaftlicher Entfremdung entgegenwirken und somit das psychische Wohlbefinden vulnerabler Personengruppen verbessern. Die Ablehnung des Antrags darf deshalb nicht das letzte Wort gewesen sein.