Glitzern in Steglitz – Interview mit Drag Queen Petra Grober-Unfug

Laut, bunt und glamourös. Bei Events wie dem CSD ist Drag als Ausdruck queerer Kultur und Lebensfreude kaum mehr wegzudenken. Nicht nur innerhalb queerer Communitys erfreut es sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Auch außerhalb dieser nimmt das Interesse stetig zu. Doch was für Menschen stecken eigentlich hinter all dem Glamour und Glitzer? Wie sind sie zur Drag Kunst gekommen und wie erleben sie ihren Alltag? Darüber und über einiges mehr sprach Charlie mit der Steglitzer Drag Queen Petra Grober-Unfug.

Charlie: Welche Bezeichnung verwendest du für dich und was beinhaltet sie deiner Ansicht nach?

Petra: Ich definiere mich als Drag Queen. Darunter verstehe ich ein Spiel mit Geschlechterrollen und -stereotypen. Ich nehme also eine andere Rolle an als die, die mir bei Geburt zugewiesen wurde, und lebe meine weibliche Seite aus. Drag ist für mich eine Form von Kunst.

Charlie: Wie würdest du deinen persönlichen Drag Style mit eigenen Worten beschreiben?

Petra: Meinen Drag Style würde ich beschreiben als eine Mischung aus Disco Queen, Trümmertunte und Film Diva.

Charlie: Wie und wann bist du auf deinen heutigen Drag Namen ‚Petra Grober-Unfug‘ gekommen?

Petra: Petra ist die weibliche Form meines zweiten Vornamens. Auf meinem Nachnamen bin ich durch eine Gesetz aus der Kaiserzeit gekommen. Damals galt das Tragen der Kleider „des anderen Geschlechts“ als „Grober Unfug“ – also eine Art Erregung öffentlichen Ärgernisses – und wurde polizeilich verfolgt. Mein Drag Name ist eine Erinnerung daran.

Charlie: Welche Pronomen möchtest du für dich sowohl in als auch nicht in Drag verwendet wissen und warum ist dir das wichtig?

Petra: Wenn ich als Mann unterwegs bin, möchte ich gerne, dass die Leute „er/ihn“ für mich nutzen. Als Drag Queen hingegen ziehe ich „sie/ihr“ vor. Für mich ist das ein Zeichen von Respekt gegenüber meiner weiblichen Rolle und dem damit verbundenen Arbeitsaufwand.

Charlie: Wie bist du zur Drag Kunst gekommen und wie waren deine ersten Gehversuche?

Petra: Mein Freund hat einige Zeit vor mir mit Drag angefangen. Als er dann eine längere Pause eingelegt hat, habe ich ihn überredet weiterzumachen. Dabei bin ich dann selbst auf den Geschmack gekommen und habe begonnen mit Drag zu experimentieren. Anfänglich haben wir uns beide in der Wohnung meines Freundes zurechtgemacht und uns fotografiert. Ich hatte keine großen Erwartungen aber zu meiner eigenen Überraschung war das Ergebnis dann gar nicht so schlecht.

Drag Queen im Paillettenkleid und mit blonder Perrücke steht auf der Straße und hält die Regenbogenfahne in den Händen.

Im Jahr darauf habe ich erstmals in Drag die Geburtstagsfeier eines Freundes besucht. Die Resonanz hielt sich aber ziemlich in Grenzen. Ich ließ mich davon jedoch nicht entmutigen und bin dann gemeinsam mit meinem Freund erstmals in Drag zum „Tuntenmonat“ ins SchwuZ gegangen. Eine echt interessante Erfahrung war das… Dadurch beflügelt habe ich dann zusammen mit meinem Freund weitere Partys und queere Veranstaltungen besucht. Der Berliner CSD oder das Lesbisch-Schwule Stadtfest sind seitdem fester Bestandteil in meinem Eventkalender.

Charlie: Wie hat sich dein Drag Style über die Jahre entwickelt?

Petra: Anfangs war ich noch stark auf die Unterstützung von meinem Freund angewiesen. Doch nach und nach habe ich mich an immer mehr Dinge selbst herangetraut. Erst nur die Basics, später dann alles ganz allein. Im Lauf der Zeit habe ich schließlich meinen eigenen ganz persönlichen Drag Style entwickelt. Von der „Trümmertunte“ immer stärker hin zur Disco Queen mit Pailletten, hochtoupierten blonden Haaren und High Heels.

Charlie: Auf welchen Veranstaltungen bist du so in Drag unterwegs und was machst du dort?

Petra: Zum einen bin ich gerne in queeren Clubs zum Tanzen. Zum anderen möchte ich die Aufmerksamkeit als Drag Queen aber auch nutzen, um beispielsweise Unterschriften für eine bessere Verkehrspolitik, Klimaschutz oder bezahlbaren Wohnraum zu sammeln und mit Menschen an Infoständen ins Gespräch zu kommen.

Charlie: Was liebst du an Drag und was magst du nicht so sehr daran?

Petra: Ich liebe an Drag, dass es mir die Freiheit gibt, eine andere Rolle einzunehmen und meine weiblichen Anteile auszuleben. Gleichzeitig erlaubt es mir, gängige Annahmen über Geschlecht in Frage zu stellen. Die Irritation, die daraus entsteht, setze ich wiederum gezielt ein, um auf wichtige politische Themen hinzuweisen. Diese öffentliche Wirkung ist etwas, das ich an Drag sehr schätze. Was ich an Drag hingegen nicht so mag, sind zum einen die hohen Kosten und zum anderen der große Aufwand, der manchmal in keinem Verhältnis zur eigentlichen Wirkung steht. 

Charlie: Gibt es Dinge, die deine Mitmenschen oft an Drag missverstehen und die du hier gerne mal richtigstellen möchtest? Wenn ja, welche sind das?

Petra: Drag wird oft mit Travestie verwechselt und auf reine Unterhaltung reduziert. Dabei sind beides verschiedene Dinge: Während Travestie eine Form der Bühnenunterhaltung ist, hat Drag durch das bewusste Hinterfragen von Geschlechterrollen und -stereotypen immer auch eine bewusst politische Dimension. Zudem gibt es leider immer noch viel zu viele Menschen, die Drag und Trans in einen Topf werfen. Zwar gibt es auch trans Personen, die gleichzeitig Drag Künstler*innen sind, doch hat das eine mit dem anderen erst einmal nichts zu tun. Drag ist eine künstlerische Performance, bei der es meist darum geht, für eine begrenzte Zeit ein anderes Geschlecht darzustellen. Bei Trans geht es jedoch nicht um künstlerische Performance, sondern eher darum, im Alltag dauerhaft im Einklang mit dem eigenen authentischen Selbst zu leben.

Charlie: Wie empfindest du die Drag Szene in Berlin? Nimmst du innerhalb der Berliner Drag Szene Veränderungen wahr?

Petra: Ich habe den Eindruck, dass sich die Berliner Drag Szene in den letzten Jahren deutlich diversifiziert hat. Früher ging es häufig darum, als „Mann“ eine „Frau“ (oder umgekehrt) darzustellen. Heute gibt es immer mehr Drag Künstler*innen, die sich nicht als cis männlich identifizieren, also z.B. auch non-binäre Personen. Das zeigt sich auch daran, dass der geschlechtliche Ausdruck in Drag offener geworden ist für Uneindeutigkeiten. Neben der klassischen Drag Queen und dem Drag King, gibt es nun auch andere Formen von Drag, die das binäre Geschlechtersystem stärker auflösen.

Charlie: In letzter Zeit nehmen die Anfeindungen gegen queere Menschen im Allgemeinen aber insbesondere gegen trans bzw. gender-nonkonforme Personen und Drag Künstler*innen zu. Wo bzw. wann fühlst du dich in Berlin und in Steglitz-Zehlendorf sicher oder unsicher in Drag?

Petra: Sichere Orte für mich in Drag sind natürlich besonders queere Veranstaltungen. So bin ich z.B. gern beim Lichterfelder Queer Café oder in der AHA. Dadurch, dass dort die meisten anderen ebenfalls queer sind, fühle ich mich in der Menge weniger angreifbar. Als Drag Queen allein auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, empfinde ich aber meist nicht als sicher. Dort kann mich die erhöhte Aufmerksamkeit, die ich anderswo genieße, schnell zur Zielscheibe von Pöbeleien oder körperlichen Übergriffen machen. Ständig wachsam sein zu müssen, sorgt für Stress und Unwohlsein. Da nutze ich dann doch lieber das Auto, auch in Steglitz-Zehlendorf.

Charlie: Was wünschst du dir, um dich sicher zu fühlen? Was müsste passieren?

Drag Queen in Paillettenkleid und mit bunter stacheliger Kurzhaar-Perrücke sitzt im Park auf einer Bank mit Regenbogendecke.

Petra: Ich würde mir ganz allgemein ein stärkeres Problembewusstsein in der Gesellschaft aber auch in der Politik wünschen. Gerade verbale Formen von Queerfeindlichkeit werden noch viel zu oft bagatellisiert und nicht ernstgenommen. Während es breiten Teilen der Öffentlichkeit daran fehlt, queerfeindliche Rhetorik als solche zu erkennen, übernehmen Teile der Politik diese wiederum bewusst, um damit Stimmung zu machen.

Auf diese Weise wird Queerfeindlichkeit mehr und mehr normalisiert. Wir queere Menschen sind aber keine skurrile Minderheit, sondern verdienen denselben Schutz und Respekt wie andere Menschen auch.

Charlie: Gibt es noch andere Dinge in Bezug auf Drag, die dir auf den Nägeln brennen und die du hier loswerden möchtest?

Petra: Ich will endlich schöne Paillettenfummel, Stöckel und geile Perücken auch bei LIDL und ALDI zum Sonderpreis kaufen können!

Charlie: Was möchtest du uns sonst noch über dich wissen lassen?

Petra: Beruflich bin ich Sanitärinstallateur, also eine „Installatunte“. Ich kenne mich mit Wasserrohren und Bohrmaschinen genauso gut aus wie mit Schminke und Fummeln. Wenn ich nicht in Drag unterwegs bin, gehe ich gern Schwimmen und fahre längere Strecken mit dem Rad. Neben meinem politischen Engagement bin ich außerdem künstlerisch aktiv. Lange Zeit habe ich fotografiert und arbeite nun seit vielen Jahren mit dem Medium Video. So dokumentiere ich u.a. Veranstaltungen innerhalb aber auch außerhalb der queeren Community.

Herzlichen Dank für das Interview und dir weiterhin alles Gute, Petra!