Gedanken zum Anschlag auf den Berliner CSD

Der Berliner CSD steht wie keine andere Veranstaltung der Stadt für queere Sichtbarkeit und teilt somit ein zentrales Anliegen mit uns. Auch dem Runden Tisch Queeres Steglitz-Zehlendorf geht es darum, queeres Leben in der Stadt sichtbar zu machen.

Hand-in-Hand mit der Person, die man* liebt, durch die Stadt schlendern. Mit der Kleidung oder Frisur, die man* gerne trägt, ganz selbstverständlich Bus oder U-Bahn fahren. Öffentliche WCs nutzen, ohne darüber nachzudenken, wer* sich daran stören könnte. Beim Arzt so adressiert zu werden, wie man* sich selbst wahrnimmt. All das sind für die meisten queere Menschen auch in Steglitz-Zehlendorf leider keine Selbstverständlichkeiten, selbst wenn das von außen manchmal so scheint.

Als queere Menschen wissen wir, dass unsere Sichtbarkeit – und hier ist nicht nur von Pride-Paraden wie dem CSD die Rede, sondern vom freien, ungezwungenen Umgang mit dem eigenen Sosein im Alltag – nur durch Sicherheit möglich ist. Eben dieses Sicherheitsgefühl wird durch Gewalttaten wie der Anschlag auf den CSD stark beeinträchtigt.

Während sich die nicht-queere Öffentlichkeit oftmals nahezu ausschließlich auf Fälle extremer
Gewalt fokussiert, bleiben die weniger drastischen Fälle von Gewalt meist unbeachtet. Für viele
queere Menschen gehören Gewalterfahrungen jedoch häufig seit frühster Jugend – oder gar Kindheit – zum Alltag.

Ebenso gehört dazu, dass das eigene Umfeld diese Erfahrungen kleinredet, nicht ernst nimmt oder zu Einzelfällen erklärt. Für queere Menschen ist Queerfeindlichkeit also häufig genauso normalisiert wie das Bewusstsein, dass dagegen nichts unternommen wird. Das mag für Nicht-Betroffene schwer vorstellbar sein, ist aber bittere Realität.

Als queere Menschen sind wir es gewohnt, uns nur durch Unsichtbarkeit aus brenzligen Alltagssituationen zu retten. Wir lassen auf der Straße die Hand der Person los, die wir lieben, kleiden uns anders als es uns eigentlich entspricht, lassen uns falsch ansprechen, um keinen Ärger zu machen etc. In der Summe sind diese Formen der Selbstzensur für viele Menschen sehr belastend, selbst wenn sie dem Selbstschutz dienen.

Der Bedarf an Schutzräume, in denen queere Menschen ohne Angst vor Anfeindungen sie selbst sein können, ist daher kein Luxusproblem. Vielmehr brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen oder um bei diesem Sinnbild zu bleiben: Wer* im Alltag ständig die Luft anhalten muss, um sich sicher zu fühlen, braucht Orte zum Ausatmen.

Genau an solchen Orten mangelt es in unserem Bezirk jedoch. Die bestehenden Orte sind nahezu alle auf Initiative engagierter Einzelpersonen entstanden, die entweder selbst queer sind oder als Allies sprich „Verbündete“ für die Bedarfe sensibilisiert sind. Häufig halten sie die Angebote dadurch am Laufen, dass sie dort viel unentgeltliche Arbeit hineinstecken.

Hinzu kommt, dass die wenigen bestehenden Angebote in Form von Gruppen aufgrund der prekären Bedingungen für bestimmte Personengruppen nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich sind. So sorgen z.B. Barrieren dafür, dass ältere oder behinderte Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nicht daran teilhaben können. Gleichzeitig mandelt es an Alternativen.

Über unsere Arbeit am Runden Tisch begegnen wir immer wieder der Meinung, queere Menschen werden von der Politik – auch auf Bezirksebene – im Stich gelassen. Erst im Oktober vergangenen Jahres wurde ein Antrag in der BVV mit den Stimmen der CDU, AfD und FDP abgelehnt, in dem es darum ging, eine eigene Stelle als Ansprechperson für queere Belange einzurichten, was in den meisten anderen Bezirken Berlins inzwischen längst selbstverständlich ist.

Nicht so in Steglitz-Zehlendorf. Hier fehlt es nach wie vor an einer Ansprechperson, die die Belange von queeren Menschen als Querschnittsaufgabe in die Bezirkspolitik trägt, dort ein Bewusstsein für die Schwierigkeiten schafft, vor denen queere Menschen im Alltag stehen und die bei Anliegen zum Thema ansprechbar ist.

So ist es für uns als Runder Tisch traurig zu sehen, dass wir uns aufgrund der fehlenden Initiative seitens der Politik als zivilgesellschaftliche Akteur*innen zusammentun müssen, um das zu tun, was eigentlich Aufgabe des Bezirks sein sollte.

Vor diesem Hintergrund wird vielleicht klar, warum die Hissung der Progress Pride Flag am Rathaus Zehlendorf von vielen queeren Menschen eher als hohles Lippenbekenntnis wahrgenommen wird. Bloße Sonntagsreden, in denen den Überlebenden des CSD-Anschlags Mitgefühl zugesprochen wird, helfen niemanden*. Derartige Symbolpolitik wirkt nichtssagend und bedeutungslos, wenn darauf keine konkreten Taten folgen. Echte Solidarität sieht anders aus.

Wir würden uns wünschen, dass queere Lebenswirklichkeit in der Bezirkspolitik nicht als nur
Sonderthema einer „skurrilen Minderheit“ behandelt wird, das nach Ende des Pride Month wieder aus dem Bewusstsein verschwindet, sondern dauerhaft als Querschnittsthema verankert und mitgedacht wird. Solange das nicht passiert, sind etwaige Solidaritätsbekundungen leider wenig glaubhaft.